Tbilisi Pomegranates: Ein Festival zwischen Erinnerung, Macht und menschlicher Existenz
Unter der künstlerischen Leitung von Irakli Gogia bietet das intime Sandro-Akhmeteli-Staatstheater, mit zwei Bühnen ausgestattetes Haus, ideale Bedingungen für Kammerproduktionen, Monodramen und experimentelle Arbeiten für Theaterschaffende und Publikum aus Georgien und dem Ausland.
Das von Giorgi Kaulashvili geleitete und von Sponsoren getragene Theatertreffen schafft einen weitgehend unabhängigen Raum für internationale Begegnung. Die diesjährige Ausgabe verbindet sehr unterschiedliche theatralische Sprachen, kreist jedoch immer wieder um Erinnerung, Krieg, politische Macht, Trauma, Liebe, Tod und Identität.
Antigone: Die Macht wird entblößt
Eröffnet wurde das Festival am 23. September mit Irakli Gogias "Antigone" nach Jean Anouilh. Ana Javakhishvili als Antigone und Andria Gvelesiani als Kreon machen aus dem familiären Konflikt eine Auseinandersetzung zweier grundsätzlich gegensätzlicher Weltbilder.
Antigone verweigert Kompromiss und Korruption, während Kreon politische Verantwortung und die damit verbundene Brutalität akzeptiert. Gvelesianis Kreon wirkt zunächst ruhig und kontrolliert, bis die Angst vor dem Verlust der Macht sichtbar wird. Gogias minimalistische Inszenierung arbeitet mit einer sterilen, beinahe laborartigen Bühne, Stille und präzisen Bewegungen. Besonders verstörend ist, dass Antigones Opfer nicht heroisiert wird: Ihr Widerstand bleibt absolut, seine Bedeutung jedoch zunehmend ambivalent.
Paskundji: Eine Reise jenseits des Sichtbaren
Demetre Gamsachurdias "Paskundji Transmutations"verbindet Klang, Rhythmus, Sprache und Bild. Ausgehend von der georgischen Mythologie führt die audiovisuelle Arbeit durch hyperrealistische innere Landschaften und wird zu einer metaphorischen Reise durch Tod, Verwandlung und Erneuerung. Theater wird hier zu einer immersiven Begegnung von Mythos, Klang und visueller Wahrnehmung.
Everything Remains Alive: Das Trauma der Angehörigen
In "Everything Remains Alive", entstanden für das Akko Alternative International Theatre Festival und inszeniert von Yarden Gilboa, sucht eine Frau nach Heilung für ihren aus dem Krieg traumatisiert zurückgekehrten Mann. Die Produktion verbindet ein altes Zen-Märchen mit der Ästhetik minimalistischen japanischen Puppentheaters.
Die persönliche Dimension ist außergewöhnlich: Der Partner der Schauspielerin Dana Keila, Gabriel, ist selbst Kriegsveteran und lebt mit einer posttraumatischen Belastungsstörung - und sitzt während der Aufführung im Publikum. Puppentheater, Körper und visuelle Komposition machen damit auch das sekundäre Trauma der Angehörigen erfahrbar. Die Produktion erklärt Trauma nicht, sondern lässt seine Präsenz spüren.
A Place to Live: Wenn Heimat verschwindet
Das israelische Otef HaNegev Theatre untersucht in "A Place to Live", inszeniert von Amitay Yaish Ben Ousilio, die Folgen des 7. Oktober und der anschließenden Evakuierungen. Die dokumentarische Arbeit basiert auf Zeugenaussagen von Bewohnern der Gemeinden an der Grenze zum Gazastreifen; Überlebende und Evakuierte gehören selbst zum Ensemble.
WhatsApp-Nachrichten, persönliche Zeugnisse, Bewegung, Videokunst und Livemusik erzählen von Vertreibung, Erinnerung und der Suche nach einem Weg zurück nach Hause. Die große Stärke liegt in der Zurückhaltung: Es gibt kein künstlich erzeugtes Drama - die Realität selbst genügt.
The Survivors: Achtzig Jahre Schweigen
Zu den erschütterndsten Arbeiten gehört Maja Kleczewskas "The Survivors", geschrieben von Piotr Rowicki und gespielt von Agnieszka Przepiórska. Im Zentrum steht Irenka K., eine ältere Frau aus Warschau-Ochota, die nach acht Jahrzehnten über ihre Erlebnisse im Durchgangslager Zieleniak während des Zweiten Weltkriegs spricht.
Kleczewska macht Erinnerung körperlich erfahrbar, ohne das historische Trauma zum Spektakel zu machen. Przepiórska verkörpert Irenka mit außergewöhnlicher Intensität; jeder Blick und jede Pause trägt das Gewicht eines ganzen Lebens. Die poetische Bühnenästhetik steht dabei in schmerzhaftem Kontrast zum erzählten Horror. Ein beeindruckendes Monodrama, das lange nachwirkt.
Eye: Die Suche nach dem eigenen Ich
Der türkische Regisseur und bildende Künstler Yasar Nezih Eyuboglu nähert sich in "Eye" philosophisch der menschlichen Existenz. Die Produktion untersucht gesellschaftliche Prägungen, innere Traumata und die ursprüngliche Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe. Im Mittelpunkt steht der Mensch auf der Suche nach einem authentischen Selbst jenseits gesellschaftlicher Erwartungen.
Some Species of Eagles: Ein Dialog zwischen Generationen
Das litauische Klaipėda Drama Theatre präsentiert "Some Species of Eagles" des polnischen Autors Doman Nowakowski, inszeniert von Igoris Reklaitis. Zwei Männer unterschiedlicher Generationen treffen aufeinander: Der Jüngere steht voller Idealismus am Anfang seines Lebens, der Ältere hat seine romantischen Vorstellungen an der Realität verloren.
Ihre Begegnung wird zum Kampf um Werte, Illusionen und die Bedeutung eines erfüllten Lebens. Zugleich kritisiert das Stück die manipulative Macht von Fernsehen und Medien. Igoris Reklaitis und Jonas Baranauskas tragen die Produktion mit großer darstellerischer Präsenz. Manchmal braucht Theater tatsächlich nicht mehr als eine gute Geschichte, sichere Regie und zwei hervorragende Schauspieler - hier stimmt diese Kombination.
The Buffalo: Erinnerung und Überleben
"The Buffalo", nach einem Werk des armenischen Schriftstellers Hrant Matevosyan, stellt die überlieferte Erinnerung einer sich rasant verändernden modernen Welt gegenüber. Die Produktion fragt, was geschieht, wenn ursprünglicher Lebensinstinkt und die Erinnerung an eine alte Welt auf eine Realität treffen, die ihre eigenen Ursprünge zunehmend verliert. Eine Meditation über Überleben, Herkunft und die Beharrlichkeit von Erinnerung.
MEDEAmaterial: Der Mythos wird zerlegt
Die georgisch-lettische Koproduktion "MEDEAmaterial"dekonstruiert den Medea-Mythos radikal. Die klassische Tragödie wird vom Sockel geholt und in körperliche, materielle und räumliche Elemente zerlegt.
Drei Frauen verkörpern Medea und erinnern zugleich an die dreifache Gestalt der Hekate. Der antike Mythos wird nicht zerstört, sondern auseinandergenommen, um ihn aus einer neuen Perspektive betrachten zu können.
For a Banana: Die Gewalt der Geschichte
Die kolumbianisch-italienische Koproduktion "For a Banana" (Por una banana) verbindet magischen Realismus mit dem historischen Massaker an Bananenarbeitern in Kolumbien 1928. Die Hauptfigur Isabel führt das Publikum nach Macondo, wo die Ankunft eines mächtigen Bananenkonzerns die Gesellschaft verändert.
Unternehmensstraf¬losigkeit, politische Manipulation, frühe Strukturen des Drogenhandels und die Unterdrückung historischer Wahrheit werden mit den Mitteln des magischen Realismus untersucht. Die Produktion zeigt, wie Macht unangenehme Geschichte auslöschen kann.
An Improbable Love Story: Das Lachen als Befreiung
Einen bewussten Kontrapunkt bildet die international ausgezeichnete italienische visuelle Komödie "An Improbable Love Story" von und mit Dandy Danno und Diva G. Ein glamouröser Cabaret-Star trifft auf einen unbeholfenen, schüchternen Mann. Retro-Vaudeville, surrealer Zirkus und körperliche Komik entwickeln eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.
Hinter der komischen Oberfläche steht die universelle Erkenntnis, dass Liebe selten so erscheint, wie wir sie erwarten. Nach den schweren Themen von Krieg, Trauma und Tod zeigt diese Produktion, dass auch Lachen eine Form der Befreiung sein kann.
Ein Festival der Widersprüche
Die dritte Ausgabe von "Tbilisi Pomegranates" überzeugt gerade durch ihre Vielfalt: Antiker Mythos trifft auf zeitgenössisches Trauma, Dokumentartheater auf Puppentheater, Minimalismus auf visuelle Überfülle, Kriegserinnerung auf absurde Komödie. Politische Macht steht neben den privaten Erfahrungen von Liebe, Verlust und Überleben.
Die stärksten Produktionen geben nicht unbedingt Antworten. Sie machen Unsichtbares sichtbar, geben dem Verschwiegenen eine Stimme und schaffen Räume für Erfahrungen, die sich kaum in Worte fassen lassen.
Der Granatapfel im Namen des Festivals erweist sich damit als treffendes Bild: Unter einer einzigen Schale liegen zahlreiche Kerne - jeder mit eigener Farbe, eigenem Geschmack und eigener Intensität.
Genau daraus bezieht "Tbilisi Pomegranates" seine Stärke: aus vielen Stimmen, Perspektiven und Formen, die sich zu einer gemeinsamen theatralischen Erfahrung verbinden - und aus der Überzeugung, dass die Bühne weiterhin ein Ort sein kann, an dem Erinnerung, Konflikt und menschliche Verletzlichkeit sichtbar und unmittelbar erfahrbar werden.
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01. Oktober 2026 | ID: 19169 | Artikel löschen |
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